Nos Alive, Lissabon - Festivalbesuch mit einundfünfzig

12. Juli 2016

Wir sind ja nicht die digital natives, aber wir sind gut vernetzt. Facebook, Newsletter - man ist informiert. Und dann die Meldung: Radiohead treten in Lissabon beim Musikfestival Nos Alive auf. Jetzt sind Festivals ja eher was für unsere Kinder, aber Radiohead wollen wir uns doch nicht entgehen lassen. Also wird kurzerhand ein Flug und ein Hotel gebucht - zelten kommt in unserem Alter nicht mehr in Frage - und ein paar Tage dazu, damit die Stadtbesichtigung auch noch drin ist.
Natürlich buchen wir nur einen Tag für das Festival, nicht alle drei. Es geht ja nur um diese eine Band, die so legendär ist und nur so selten in Europa auftritt. Das Lineup beginnt um 18 Uhr, also noch Zeit für eine Tejofahrt und einen Ausblick von der Christusstatue am anderen Ufer, die hier 1959 in Kopie des großen Originals in Rio hin gestellt wurde, als Dank, dass Portugal vom Krieg verschont wurde. Bei dreißig Grad im Schatten und einer wunderbaren Aussicht auf die Stadt und die Brücke des 25. April kommt San Francisco Feeling auf. Der Schrittzähler rattert unermüdlich. Auf dem Weg zum Festival liegt Belem, das kulturelle Mekka der Lissabon Fans. Also wird das auch noch mitgenommen. Vorbei am sagenhaften Hieronymus Kloster und dem Torre Belem noch eine der fantastischen und nur hier erhältlichen originalen Pasteten gekauft und dann weiter zum Festival. An der Hauptstraße kein Baum und kein Strauch. Sonnenglut pur.
Da es zu unserer Jugendzeit noch keine Festivals dieser Art gab, haben wir uns bei unseren Kindern erkundigt und sind gut ausgestattet. Picknickdecke, Sonnencreme, Hut und keine Wasserflaschen im Rucksack. Die Kontrolle ist strenger als am Flughafen aber alles sehr entspannt.
Vor der riesengroßen Bühne ist es noch recht leer. Wir setzen uns nur ein paar Meter von der Absperrung entfernt auf den Rasenteppich, holen uns ein Bier zu einem recht zivilen Preis und warten. Die Menschen um uns herum sind alle so um die zwanzig. Wir sind mit Abstand die Ältesten. Werden wir belächelt, als wir unsere Picknickdecke ausbreiten? Jedenfalls alles kein Ding. Die Stimmung ist gut. Langsam wird es voller. Die Sonne verschwindet gerade hinter der etwa vierzig Meter höhen Bühne und wir haben Schatten. Die erste Band, Years and Years, beginnt zu spielen. Der Sänger sieht aus wie vierzehn. Ich frage mich, ob er überhaupt schon hier sein darf in seinem Alter. Aber die Musik ist mein Geschmack. Einfache Melodien und Technobeat - zum Aufwärmen, was bei diesen Temperaturen rein mental gemeint ist, gerade gut. Drei Stücke kenne ich aus dem Radio. Die jungen Leute um uns herum sind bei jedem einzelnen Lied absolut textsicher.
Dann zwei Bands von denen wir in unserem Leben noch nie etwas gehört hatten. Auch hier absolute Textsicherheit um uns herum. Wir haben das Gefühl, etwas nicht mit bekommen zu haben. Dabei sind wir doch im Musikgeschehen immer up to date. Dachten wir. Irgendwie haben uns unsere Kinder doch unbemerkt abgehängt. Während wir glaubten, ihre Musik zu hören und ihre Klamotten zu tragen, haben sie sich doch noch eine Nische geschaffen, zu der wir bisher keinen Zutritt gefunden haben. Nur weil Radiohead der Headliner ist, sind wir hier und merken, wie out of date wir doch schon sind.
Die Stimmung zieht an. Auf den großen Videoleinwänden halten die Kameramänner immer wieder ins Publikum. Besonders die ganz schönen Mädchen auf den Schultern ihrer Freunde stehen im Fokus. Einige immer wieder. Und dann zieht die besonders Süße auf einmal ihr T-Shirt hoch. Johlen in der Menge. Die australische Band, Tame Impala, schien so cool zu sein, aber der langhaarige Sänger outet sich als echter Australienspießer: “Hey Lissabon, I saw what you did. What would your Papa and Mama say?” Buhrufe in Orchesterlautstärke. Er lenkt ein: “Okay, Just kidding. It is a festival. Do what you want.” Die Musik geht weiter. Die Mädchen ziehen sich weiter aus. Das katholische Portugal ist dem anglikanischen Kontinent Down Under in Sachen Freizügigkeit offensichtlich weit voraus.
Zwischen den Acts in den Umbaupausen versuchen wir uns etwas auf den Rasen zu setzen. Mittlerweile stehen wir seit 5 Stunden vor dieser Bühne. Vor dem Hauptact wird es immer voller. Menschen strömen an uns vorbei und füllen den eben noch lockeren Raum zu einer dichten Masse. Jetzt kann man nicht mehr umfallen, aber tanzen ist auch schwierig. Die Jungs vor uns haben ihren zehnten Joint angesteckt. Ich bin bereits so passivbreit, dass mir meine eigenen Zigaretten nicht mehr schmecken. Seit Stunden habe ich nichts gegessen und konnte nicht zur Toilette. Denn diesen Platz zu verlassen würde bedeuten, ihn aufzugeben. Auf keinen Fall. Wir warten auf Radiohead.
Und dann sind sie da. Thom York ist mit uns zusammen der einzige über fünfzig. Aber so textsicher, wie die Kids bei den anderen Bands waren, sind sie auch jetzt. Sie wollten tatsächlich genau diese Band sehen. Diese Rockopas, die wir schon seit dreißig Jahren verfolgen, sie sind auch für die jungen Menschen großartig.
Radiohead bieten alles auf, was sie in ihrer Bandgeschichte groß gemacht hat. Bis zu den letzten beiden Zugaben, Creep und Karma Police. Melodiöse, fast romantische Passagen wechseln ab mit brettharten Elektroclustern. Gerade noch wollte man ein Feuerzeug anzünden, da wird man von einer Gitarrenwand umgerissen. Zwei Stunden spielen York und seine Band. Es ist wie ein Rausch. Der Rücken tut nicht mehr weh und die Füße spüren wir eh nicht mehr. Um ein Uhr verklingt der letzte Riff. Es war großartig und mit Sicherheit eines der besten Konzerte überhaupt. Später erfahren wir, dass Radiohead der Ausstrahlung im Radio am nächsten Tag zugestimmt hat. Sie müssen also mit sich sehr zufrieden gewesen sein. Glücklich bewegt sich die Menge auseinander. Unter uns knistert und kracht es, wenn wir auf den Teppich von Plastikbechern treten. Aber die menschlichen Bedürfnisse kennen keine Gnade. Nach sieben Stunden muss das sonst so stille Örtchen aufgesucht werden. Dieses Mal zusammen mit sechzigtausend anderen. Die Menge schiebt sich zu der Klowagenstadt. Es ist ruhig und friedlich und niemand drängelt. Die Organisation des Festivals hat ganze Arbeit geleistet. Auf Autobahn-breiten Wegen geht es zweispurig ins Klo. Getrennt natürlich. Wir müssen uns verabreden, bevor wir weiter geschoben werden. Geduldig warten vor den Containern Schlangen von ca. vierzig Frauen. Wat mut, dat mut. Keine Klage, kein Geschubse. Tatsächlich finden wir uns hinterher wieder. Zum Glück gibt es Internet und die Zelle scheint nicht ausgelastet zu sein.
Jetzt noch zum Tudor Cinema Club? Wir schauen uns gequält an. Nein. Das war so super bis hierher. Wir zollen unserem Alter Tribut und treten den Heimweg an. Die Eisenbahn ist nur fünfzig Meter Luftlinie vom Festivalgelände entfernt. Aber der Tunnel unter der Straße ist geschlossen. So eine Katastrophe, wie bei der Loveparade in Duisburg soll hier nicht passieren. Der Autobahnzubringer ist der Weg. Eine ganze Fahrtrichtung ist abgesperrt. Es ist ein faszinierendes Spektakel, wie Tausende über die Brücke ziehen, ein nicht abreißender Strom. Friedlich und ruhig ziehen sie daher. Und weil Autobahnschleifen großzügig gebaut sind, gehen wir bestimmt drei Kilometer. Der Schrittzähler rattert weiter und hat am Ende des Tages zwanzigtausend auf der Uhr.
Am Bahnhof angekommen, ist der Bahnsteig rappelvoll. Wir schaffen es noch gerade, bevor für weitere Gäste abgesperrt wird. Und dann müssen alle in den Zug. Wir schieben und drücken ohne zu drängeln. Die Türen gehen zu und umfallen ist nicht mehr möglich.
Um drei Uhr sind wir im Hotel, trinken noch glücklich ein Bier und fallen dann todmüde ins Bett. Ich frage noch, ob meine Schwiegermutter mit einundfünfzig so was mit gemacht hätte, und komme mir ziemlich cool vor für mein Alter. Aber wir sind auch an unsere Grenzen gegangen. So schnell werden wir kein Festival mehr buchen. Am nächsten Tag treten Arcade Fire auf. Wir nicken uns betrübt zu. Nein, das schaffen wir nicht an zwei Tagen hintereinander. Die restliche Kraft können wir noch für Lissabon gebrauchen, diese wunderbare Stadt am Tejo.
Es war perfekt. Es hat sich gelohnt für Radiohead und diese Stadt. Aber dazu nehmen wir eine andere Erfahrung mit: auch, wenn wir glauben ewig jung zu bleiben, wir werden älter. Und irgendwann geht so etwas, was man mit zwanzig locker weg steckt, einfach nicht mehr. Gut, dass wir es noch geschafft haben.

Endlich wissen, wie Rumänen sich fühlen.

10. Februar 2014

Die Schweiz will weniger Zuzug von Migranten. Das soll nicht ausländerfeindlich klingen - sagen sie -, aber es wird den Eidgenossen einfach zu voll in ihrem kleinen Land. Zu viel Stau auf den Straßen, zu wenig bezahlbare Wohnungen in den Städten und vielleicht sogar Angst um die Arbeitsplätze, die ja alle gut besetzt sind, bei einer rekordverdächtig niedrigen Arbeitslosenquote im Alpenland.
Tja, die machen keinen Unterschied zwischen den Europäern, die Schweizer. Auch, wenn der Spiegel Chefredakteur gestern bei Günther Jauch es ziemlich zweideutig ausdrückte, als der Herr Minister Schäuble meinte, dass es in Europa auch in anderen Ländern diese diffuse Angst gegenüber Ausländern gebe: Nicolas Blome meinte nämlich, das sei doch nicht zu vergleichen, denn in die Schweiz wanderten doch hauptsächlich Italiener und Deutsche ein. Was hat er denn damit gemeint? Irgendwie hörte sich das für mich so an, als seien Deutsche und Italiener First Class Migranten, der Zuzug in andere europäische Länder aber viel problematischer. Also die Rumänen und Bulgaren wären da auf unserer Gefühlsskala ein ganz anderer Fall?
Tja, wie gesagt, die Schweizer machen da keinen Unterschied. Und der Aufschrei, der gerade durch die Medien geht, macht deutlich, dass jeder einzelne Deutsche sich irgendwie persönlich beleidigt fühlt, selbst wenn er noch nie die Absicht hatte in die Schweiz auszuwandern.
Das ist eben dieser Zaun, den Wohlstandsstaaten um sich ziehen, damit es ihnen nicht vermeintlich schlechter geht. Sie wollen ihren Luxus gerne in nicht so überfüllten Zügen genießen. Und wir? Schauen da rüber in das vermeintliche Paradies und wissen, dass wir wahrscheinlich nicht herein gelassen werden, oder wenn doch, dann nicht gerade erwünscht sind.

Genauso müssen sich Rumänen fühlen, die in ihrer Zeitung zu Hause die Bemerkungen von Horst Seehofer lesen, und auch die Flüchtlinge, die am Nordrand Afrikas stehen und sehnlich hinüber schauen in das goldene Europa. Sie, die Anwärter auf eine lebensbedrohliche Bootsfahrt, haben kürzlich einem Reporter vorgerechnet, dass in Spanien eine Katze im Jahr 800 Euro kostet. Gerne wären sie eine Katze in Spanien. Sie sagen, dass würde ihnen reichen.

Und schon blicken wir einem anderen Problem der Schweizer ins Antlitz: Wenn dort drüben eine Krankenschwester umgerechnet 8000 Euro im Monat verdient, dann kommen wir hier ins Staunen und die ein oder andere geplagte Pflegekraft sagt vielleicht, gut, wenn sie mir 6000 Euro zahlen, habe ich immer noch drei Mal so viel wie hier in Deutschland. Nehmt mich, ich bin gut ausgebildet, leidensfähig, viel Arbeit gewohnt und dazu noch bescheiden.
So was drückt die Löhne. Es ist ein Versprechen an Arbeitgeber und eine Bedrohung für Arbeitnehmer. In der Schweiz kommt noch dazu, dass eine große Mehrheit der Angestellten gerne nur Teilzeit arbeitet. Einen qualifizierten Programmierer zu bekommen, der bereit ist sich auf Vollzeit einzulassen und dazu noch Überstunden zu machen, das ist unter Schweizern so gut wie unmöglich. Und dann kommen die “fleißigen” Deutschen und machen den Job, machen ihn sogar für viel weniger als ortsüblich. Für uns Deutsche ist das doch immer noch ein super Deal.

Tja, und dann sind wir nicht anders als die osteuropäischen Baustellenarbeiter. Die freuen sich auch so sehr, wenn sie hier arbeiten dürfen, weil es auch bei schlechter Bezahlung, unsäglichen Arbeitsbedingungen und Ablehnung aus der Bevölkerung immer noch so verlockend ist hier zu arbeiten. Wir Deutsche sind die Rumänen der Schweiz. Endlich gleichberechtigt.

wirklich nichts zu verbergen?

28. Januar 2014

Heute ist der Tag des Datenschutzes. Da frage ich mich, ob ich jetzt genau wie gestern, am Holocaustgedenktag, nachdenklich werden soll. Ja, okay, denke ich über Datenschutz nach, wo wir doch gerade jeden Tag erfahren, dass es den gar nicht gibt. Selbst beim Spielen von “Angry Birds” werde ich beobachtet. Hm. Ist ja auch nicht so schlimm, sagen dann viele. Schließlich hat man nichts zu verbergen. Hm. Habe ich wirklich nichts zu verbergen?
Was mir zuerst einfällt, ist, das ich viele facebook Freunde habe, die ich gar nicht so genau kenne. Sind die alle okay? Oder ist da vielleicht jemand dabei, der ins Fadenkreuz der Verfolger geraten ist? Vielleicht sogar aus gutem Grund, aber werde ich dann eines Tages befragt, was ich mit ihm oder ihr zu tun habe? Und muss beweisen, dass ich mit nichts was zu tun habe, was mein facebook Freund so anstellt? Hm. Und ist es ein Problem, wenn ich mit einem Palästinenser befreundet bin, wenn ich in die USA oder nach Israel einreise? Werde ich in der Türkei verhört, weil ich meiner türkischen Freundin deutsche Zeitungsartikel über die Korruptionsaffäre schicke?
Was wir hier bei uns zu Hause so Meinungsfreiheit nennen, ist woanders in der globalen Welt vielleicht ein Verbrechen. Na, ja, hoffentlich holt mich dann die deutsche Botschaft da raus.

Aber bin ich denn wirklich ein braver Bürger? Lasse ich mir nichts zu Schulden kommen? Eigentlich schon, oder, Moment. Wenn jeder wüsste, wie oft ich die Geschwindigkeit in Autobahnbaustellen übertrete? Gar nicht so schwer nachzuvollziehen, denn mein Tom Tom hat mich letztens schon darauf hin gewiesen, dass ich oft zu schnell unterwegs bin. Kann die NSA das speichern, dem BND weiter leiten und dann bekomme ich von der Polizei die Strafzettel im Monatsabo?
Es gibt auch tatsächlich noch Internet gestützte Anwendungen, die ich nicht habe. Zum Beispiel habe ich keine Lauf App. Die würde jeden Abend auf facebook posten, wie viele Kilometer ich welche Strecke gejoggt bin. Wird meine Krankenkasse misstrauisch, wenn ich so etwas nie mache und mich wegen Unsportlichkeit in der Prämie hoch stufen? Oder die Zahnbürsten App. So etwas gibt es. Sie ist an die elektrische Zahnbürste angeschlossen und sagt genau, wann die Zähne fertig geputzt sind. Wenn das zu kurz war oder auch mal abends ausfällt, wird mir vielleicht später der Zahnersatz nicht mehr gesponsert. Oder die App stellt auch noch fest, dass ich mir die Zähne immer unter der Dusche putze und dabei das Wasser laufen lasse. Dann gibt es vielleicht eine Strafzahlung von den Stadtwerken. Genauso, wenn man die Heizungs App verwendet. Die stellt dann fest, dass ich das ganze Wochenende das Fenster im Schlafzimmer auf Kippe hatte und die Heizung dabei lief. Solche Umweltsünden können dann ganz leicht fest gestellt und geahndet werden.
Dann gibt es Autos, die haben sowohl einen Abstandsmesser als auch Internet. Prima, weil die Polizei sich dann gleich alle Kontrollen sparen kann. Wer zu dicht auffährt, ist gleich dran. Und mit dem Bewegungsprofil aus Angry Birds soll es sich doch bitte keiner erlauben, einen Kollegen auf den Bewirtungsbeleg für’s Finanzamt zu schreiben, denn der Kollege war ganz woanders und der eigene Mann beim Essen dabei.
Nein, ich glaube, ich bin kein braver Bürger. Es gibt eine Menge Dinge, wo ich mir die Freiheit heraus nehme, selbst zu entscheiden und vielleicht dabei auch mal Grenzen auszudehnen. Das halte ich auch nach der Pubertät noch für eine wichtige Lebensform, um Erfahrungen zu sammeln und meine Persönlichkeit zu entwickeln.

So, also das ist jetzt alles ganz transparent mit mir, die ich seit zwanzig Jahren im Internet Spuren hinterlasse. Aber ich könnte ja aussteigen, wenn ich es nur wollte. Also diesen Blog nicht mehr schreiben, facebook löschen, keine Mails sondern nur noch frankierte Briefe schreiben, mein Handy weg schmeißen, am besten gar nicht mehr telefonieren, weil mein Festnetzanbieter Voice over IP benutzt, dann das Tom Tom ausschalten und in der Straßenkarte den Weg finden, keine Kreditkarten mehr benutzen und schon gar nicht Payback. Keine Flüge mehr im Internet buchen, ach, gar nichts mehr da bestellen. Vielleicht habe ich noch etwas vergessen, aber alleine diese Aufzählung zeigt mir, dass ich mit all diesen Maßnahmen nicht nur ein sehr kompliziertes Leben führen würde, sondern auch augenblicklich arbeitslos wäre. In meinem Job muss ich von zu Hause auf Firmenserver einloggen, muss e-mails ohne Ende schreiben und beantworten, muss meist mobil erreichbar sein. Und ohne Navigationssystem wäre ich bei dem ein oder anderen Termin ziemlich aufgeschmissen. Ach ja, mein Kalender müsste auch wieder handschriftlich in die Kladde zusammen mit allen Telefonnummern und Adressen. Jedes Jahr Weihnachten wieder alles übertragen.
Ich sag euch was, das fange ich gar nicht erst an. Das würde mein entspanntes Leben augenblicklich zu einem Stress ohne Ende machen.

Big Brother hat es also geschafft. Uns geködert, erst mit Spülmaschinen und Zentralheizung, dann mit den Möglichkeiten des mobilen Lebens und des digitalen Einkaufens, verabreden usw. Es bedarf keines Zwangs, wir lassen uns einfach verwöhnen und schwups, sind wir Gefangene des Systems.
Dabei wäre es ja einfach, wenn wir einen bestimmten bösen Diktator ausmachen könnten. Aber den gibt es nicht. Die Bedrohung ist nicht nur der Geheimdienst mit tausenden von Mitarbeitern, auch die Struktur in der eigenen Firma, Freunde, Geschäftspartner, einfach alle. Wer uns was Böses will, wer unsere Daten missbrauchen will, kann das tun. Kein böses System oder kein greifbarer Mensch bedroht uns, sondern es ist die Niedertracht des Einzelnen, die in allzu vielen Kreaturen schlummert. Zwar sagt Obama, man muss nicht alles machen, nur weil man es kann, aber man kann es tun. Und die Erfahrung mit den Menschen zeigt, dass sie nicht immer gut sind. Durchaus haben Menschen böse Absichten. Und wir alle bieten Angriffsflächen wie noch nie, die andere zu ihrem Vorteil und unserem Schaden nutzen können.

Was werden wir tun? Einfach weiter machen, nach dem Tag des Datenschutzes? Wahrscheinlich ja. Mit der Gewissheit, dass wir sehr wohl alle etwas zu verbergen haben, was man gemein hin auch Privatsphäre nennt, und der Hoffnung, dass es uns ja schon nicht treffen wird, weil andere viel interessanter sind. Werden wir uns im Zuge dieser Erkenntnis verändern? Werden wir alle viel angepasster und braver? Oder werden wir eines Tages auf die Barrikaden gehen und alle Server mit Pflastersteinen zertrümmern? Hoffentlich geht das alles nicht zu schleichend. Denn bei schleichenden Prozessen kann nur eine Katastrophe beenden, was alle nach und nach normal fanden. Das war meine Erkenntnis gestern, am Holocaustgedenktag.
Was ist eigentlich morgen für ein Tag?

Softies sind genau richtig

26. Januar 2014

Die Band Revolverheld singt gerade im Radio:

“Ich lass für dich das Licht an
obwohls mir zu hell ist
ich hör mit dir Platten
die ich nicht mag
ich bin für dich leise
wenn du zu laut bist
renn für dich zum Kiosk
ob Nacht oder Tag…”
usw.
Wie romantisch! Ist Sänger Johannes damit ein Softie, ein Mann, den man so gar nicht haben will? Nein. Eine Umfrage beim Radiosender 1LIVE ergab, dass die Mädels das schon sehr schön fänden, so einen Typen zu haben, auch wenn sie sich alle anhörten, als wäre so ein Freund eine Utopie aus einer anderen Welt. Warum eigentlich? Die befragten Jungs wollten auf keinen Fall Musik hören, die sie nicht mögen, wohl aber in Kino Schnulzen gucken. Wegen der Zweisamkeit und der netten Fortsetzung des Abends, wenn die Stimmung schon mal so gut ist…. Hallo? Jungs? Immer nur an euch denken?
Johannes von Revolverheld wurde auch gefragt, wie er das so wirklich meint. Er findet Kitsch blöd, aber Romantik sehr schön, hat er gesagt. Also er würde es übertrieben finden, wenn er nach Hause käme und da lägen überall Rosenblätter im Kerzenschein. Aber die kleinen Dinge findet er wichtig. An einem gemütlichen Abend auf dem Sofa, wenn die Freundin gerade einen spontanen Heißhunger auf einen Schokoriegel hat, noch mal schnell zum Kiosk rennen - ja klar. Und das finde ich auch richtig.
Wieso soll so ein Mann nicht der Richtige sein? Warum muss es immer der große Player sein? Es ist natürlich schmeichelhaft, wenn man die attraktive Begleitung des coolsten Jungen der Stadt ist, aber das birgt Gefahren. Nur das schöne Anhängsel zu sein, dass ins Lifedesign passt wie eine Spielerfrau, bedeutet auch, schnell mal ausgetauscht zu werden gegen eine noch attraktivere und vor allem neue Anhängselfrau. Es bedeutet auch, nicht der Mittelpunkt seines Lebens zu sein. Und das finde ich, ist aber die Vorraussetzung für eine gute und dauerhafte Beziehung: der Mittelpunkt des anderen zu sein und zu bleiben.
Frauen, die lieber einen “echten” Kerl bevorzugen, die auf sichtbare Männlichkeit stehen, sollten sich nicht wundern, wenn der Testosteron erfüllte Typ dann auch seinen Hormonen folgt, nach kurzer Zeit ruppig wird, lieber mit seinen Jungs abhängt als mit ihr, und natürlich seine Gene breit streut, sprich, nicht nur Augen für die eigene Freundin hat. Irgendwann werden wir alle mal fünfzig und dann will man nicht zu den Frauen gehören, denen die Männer kollektiv die Solidarität aufkündigen. Und ein Mann, der so männlich ist, dass er Frauen keinen Schokoriegel vom Kiosk holt, wird sich auch im Bett keine Mühe geben.
Frauen, die sich aber auf einen Mann einlassen, der seine Gefühle zeigt und damit auch eine gewisse Schwäche preis gibt, wissen selbst, wie sie im Leben stehen. Frauen können selbst stark sein. Dafür brauchen sie keinen Mann. Das Leben meistern wir Frauen schon selbst. Einen Mann suchen wir uns, damit er uns glücklich macht. Und schafft er das, eine glückliche Frau zu haben, dann ist er selber der größte Glückspilz. Denn wie man gibt, so bekommt man auch. Das gilt für beide Seiten.
Also, können die befragten Mädels und Jungs vielleicht mal ihre desillusionierenden Rollenbilder ablegen und richtige Ansprüche stellen? Starke Mädchen und softe Jungs. Das ist das Rezept für die Überbrückung der Unterschiede zwischen uns. Keine Angst: Dabei bleiben die Mädchen weiterhin weiblich und die Jungs weiterhin männlich. Sie kommen sich nur ein Stück entgegen.

“Haben wir wirklich alles getan?”

29. Dezember 2013

Das fragte Joachim Gauck in seiner Weihnachtsansprache. Er meinte die Flüchtlinge aus Syrien. Eine Million von ihnen sitzen im Libanon, unter ihnen Ärzte, Ingenieure und andere Akademiker. Geflüchtet sind die Leute mit Grips und Geld. Die armen Schlucker kommen gar nicht weg aus ihren umkämpften Dörfern oder stehen hinter den Kanonen.
Deutschland will angeblich 4000 von ihnen aufnehmen. Die anderen haben auf Lebenszeit keine Chance, ihr Leben irgendwie wieder in den Griff zu bekommen. Meiner Meinung nach tickt da im Nahen Osten die nächste Bombe, die spätestens in 5 oder 10 Jahren hochgehen wird. Schon einmal hat eine riesige Flüchtlingswelle aus Syrien und Jordanien in Richtung Libanon und Israel die ganze Region in eine Krise gestürzt, die bis heute als Nahostkonflikt bekannt ist. Werden wir jetzt lernen, das zu verhindern?
Achtung an alle Realisten: Jetzt kommt eine unrealistische Vision. Was wäre, wenn wir alle syrischen Flüchtlinge zu uns kommen lassen würden. Eine Million Syrer in Deutschland. Gauck hat gesagt, wir seien ein Flächenland mit hohem Wohlstand. Also lassen wir unsere Phantasie mal fliegen. Wir beginnen jetzt ein großes logistisches Projekt. Machen ein Regelwerk - wer kann das besser als wir Deutschen? Wir bauen ganze neue Ortschaften aus Nissenhütten, wie nach dem Krieg überall in Deutschland (die heute gefragte kleine Villen geworden sind), und machen einige Bedingungen an die Flüchtlinge. Sie müssen mindestens ein Jahr an dem Ort bleiben und sie müssen an Deutschkursen teilnehmen. Wir stellen den Ärzten und Ingenieuren Weiterbildungen zur Verfügung, damit sie ihr Wissen an unsere Standards anpassen können. Dann bekommen sie hier eine Konzession, z.B. um Landarzt zu werden, ein kleines mittelständiges Unternehmen zu gründen usw. Sie dürfen sofort in ihren neuen Communities Geschäfte und Restaurants eröffnen. Die Berliner und andere Städter finden das syrische Essen hip und kommen nach und nach in die neu entstandenen Gemeinschaften, feiern ihre Hochzeiten dort oder richten ihr Weihnachstessen mit der Belegschaft dort aus. Die syrischen Lebensmittelläden sind für ihre Frische und Auswahl weit über die Region hinaus bekannt und beliefern die umliegenden Städte. Die syrischen Schneider sind gefragt wegen ihres Fleißes und ihrer außergewöhnlichen Entwürfe, so dass die Städter hier Aufträge aufgeben. Usw. usw. Es bildet sich innerhalb des ersten Jahres eine bunte und blühende Gemeinschaft. Endlich blühende Landschaften.
Dann ziehen die ersten Syrer von dort weg. Sie können jetzt Deutsch und bringen ihre Qualitäten in den Rest der Republik. Die älteren bleiben vielleicht in ihren ersten kleinen Häusern und machen sie sich schön. Baumärkte siedeln sich an und Wohnkaufhäuser mit speziellen Sortimenten, die dann auch für die hipen Städter auf einmal attraktiv werden.
Gleichzeitig haben viele arbeitslose Sozialarbeiter hier eine dankbare Integrationsaufgabe gefunden, Lehrer finden hier eine neue Zukunft, Computerspezialisten tauschen sich international aus.
Natürlich wird es auch Probleme geben. Einigen Syrern wird es vielleicht schwer fallen, sich anzupassen an das kalte Wetter und die deutschen Reglementierungen. Aber haben wir nicht so viel gelernt aus den vergangenen 50 bis 60 Jahren der Fehler bei der Integration? Wir sind das Land der Regeln und der Kontrollen. Wer außer uns hat so ein strenges Gewerbeaufsichtsamt, Gesundheitsamt usw.? Wir stellen nicht nur Regeln auf, wir kontrollieren sie auch.
Auf einen Zeitraum von 50 Jahren gedacht, kann dieses Projekt entweder gut funktionieren, das wäre traumhaft, oder es kann ganz oder teilweise scheitern. Ja und? Dann haben wir noch eine knappe Million mehr Probleme hier. Aber wir haben sie nicht aus den Augen verloren. Wenn wir den Wahnsinn der Radikalisierung von entwurzelten und hoffnungslosen Menschen stoppen wollen, wie könnten wir das besser, als wenn wir es genau hier vor unserer Tür hätten? Wie könnten wir besser Einfluss nehmen auf die Entwicklungen im Nahen Osten als wenn wir sie von hier aus steuern und mit unseren Werten beeinflussen könnten? Wer soll Syrien nach diesem grauenhaften Krieg besser helfen können, als eine Million Syrer, die in Deutschland Sicherheit finden und an unserem Wohlstand teilhaben dürfen, ja ihn sogar noch vermehren würden? Das wären Botschafter in eine hoffnungslose Region.
Wir Deutschen, die Organisierer, die Logistiker, die Regulierer und Kontrolleure, die Wohlhabenden, die Besserwisser, die guten Menschen, die Spendenfreudigen….. wir könnten hier etwas tun, was historische Ausmaße hat, selbst wenn es nicht so einfach läuft.
Wir sind 80 Millionen hier und bekämen auf 80 bereits hier Wohnende einen dazu. Der Libanon hat viereinhalb Millionen Einwohner und keine Fläche, aber auf 4 Libanesen einen Flüchtling.
Natürlich kann man auch sagen, am Besten gar nicht einmischen. Sollen sie sich dort unten doch die Köpfe einschlagen, haben wir im Mittelalter hier auch gemacht, bis wir irgendwann zur Vernunft gekommen sind. Nicht einmischen heißt auch keine Waffen liefern, ein in der globalisierten Welt fast unmögliches Ansinnen. Und fünfhundert Jahre warten. Zusehen, wie Menschen sich gegenseitig mit Giftgas und Terror umbringen, verhungern, keine Perspektive, kein Trinkwasser haben. Oder Twitter und Facebook auch gleich abschalten und verbieten.
Ja, können wir machen. Ich kann es nicht. Mein Spiegel im Badezimmer würde jeden Morgen eine Fratze zeigen, die mir jede Freude an meinem guten Leben vergällt.
Was, wenn wir am 2. Januar beginnen und ein Team aufstellen, dass ein gutes Konzept für so eine Idee ausarbeitet, dann im Sommer beginnt, die ersten Flüchtlinge einzufliegen. Wenn in Flugzeug 650 Leute passen, dauert es eh Monate, bis die ganze Million hier ist. Das heißt, es kommen ja nicht alle auf einmal, so wie im Moment über die syrische Grenze. Wir schaffen das, wenn wir wollen.

You may say I’m a dreamer
but I’m not the only one.
Maybe one day you’ll join us
and the world will be a better one. (John Lennon)

NICHTS GESCHIEHT, OHNE DASS ES VORHER EINEN TRAUM GAB!

Wenn Marietta ein Mann wäre……

30. November 2013

Irgendwie fand ich Marietta auch aufreizend in dem viel diskutierten Interview mit Gabriel. Ihre Fragen waren aber genau die, die ich auch hatte, und insofern war ich sehr enttäuscht, dass Herr Gabriel das alles als Quatsch abtat und gar nicht richtig geantwortet hat. Weder bin ich ein absoluter Fan vom Marietta Slomka, noch will ich der SPD etwas Böses. Aber dass jetzt der Obermacker Seehofer sich beim ZDF Intendanten beschwert. Ja wo sind wir denn? Kann ich auch beim Intendanten anrufen, ihm eine SMS schreiben? Was glaubt Herr Seehofer eigentlich, wer er ist? Ach ja, wahrscheinlich der wichtigste Mann in Bayern. Und vielleicht hat er Angst, dass Frau Slomka ihn auch mal aussehen lässt wie einen Schulbub.
Ich erinnere mich an ein Interview, dass Klaus Kleber mit Seehofer führte, und dass erst nach dem offiziellen Take richtig spannend wurde. So dass Klaus Kleber dieses Gespräch unter Männern gleich auch noch zur Ausstrahlung autorisieren ließ. Das war guter Jounalismus, nicht wahr? Der Klaus, der hat’s drauf. Aber die Marietta. Da ruft man lieber mal den Intendanten an. Macht man ja ständig in Bayern. Warum warten, bis man im Aufsichtsrat nachfragen kann, in dem der große Bayer ja auch sitzt und Gelegenheit dazu hätte, so ein Thema in großer Runde zu diskutiern. Und warum nicht einfach Frau Slomka selbst anrufen? Aber nee, so wichtig ist die ja nicht. Und vor allem so zickig. Dann doch lieber unter Männern Tacheles reden.
In den Kommentaren zu Slomkas Interview steht unter anderem, sie habe sich von ihrem Mann getrennt. Vielleicht sei sie deshalb so zickig. Okay, jetzt komme ich mir schon vor wie Alice Schwarzer, aber fehlte nur der Kommentar, ob sie ihre Tage hatte.
Warum ist Frau Slomka zickig und Herr Kleber ein Gesprächspartner, mit dem man brüderlich zur Sache kommt? Ich frage mich, was, wenn Klaus Kleber diese Woche dran gewesen wäre. Mit Sicherheit hätte er die gleichen Fragen gestellt. Wäre er von Herrn Gabriel auch so behandelt worden? “Lassen Sie uns diesen Quatsch beenden!” Wie bitte? Da zitiert eine berufene Journalistin Fragen, die in der Zeitung stehen, da zitiert sie Verfassungsrechtler und Herr Gabriel sagt: “Das stimmt doch gar nicht Frau Slomka!” Wer ist denn hier zickig geworden?
Aber okay. Da sagt der starke Mann am nächsten Morgen im Frühfernsehen, man dürfe doch wohl mal Emotionen zeigen. Bitte, gerne. Aber eine sachlich nachhakende Frau ist zickig, ein emotionaler Mann ist….. .? Ja was? Etwa ernst zu nehmen?
Sorry, wenn Herr Gabriel wie ein Schulbub dastand, dann weil er selbst so wie ein Teenager geantwortet hat: Quatsch, Quatsch, Quatsch.
“Eine besondere Art der Argumentation” wie Marietta Slomka es nennt. Ja, aber das hört niemand. Denn sie ist ja nicht Klaus Kleber. Sie ist eine Frau und will ja auch wie so eine gesehen werden. Warum ist sie auch sonst so hübsch?

Wir wissen es.

7. November 2013

In Holland kann man eine hervorragende Soße kaufen. Chicken tonight heißt sie. Nur etwas Reis und natürlich Chicken braucht man. Ein rasantes und leckeres Abendessen. Ich finde noch so ein Glas im Schrank und laufe rüber zum Supermarkt um Hühnchen zu kaufen. Vor dem Fleischregal, das mindestens 20 Meter lang, 3 Meter hoch und randgefüllt mit Fleisch ist, wird mir unwohl. Alles ist sauber abgepackt und macht einen appetitlichen Eindruck. Die Wahlmöglichkeiten sind enorm: Sonderangebote, Miniportionen, Biofleisch. Um mich herum greifen die Menschen pausenlos zu. Und ich habe auf einmal Bilder im Kopf von Hühnchen KZs, Rinder KZs, Schweine KZs. Dann entscheide ich mich für das Paket Putenbrust Bio. Und doch weiß ich, dass bei der Menge der hier angebotenen Ware wahrscheinlich nichts davon irgendwie so Bio ist, wie ich mir das wünschen würde. Ich gehe nach Hause und denke, dass ich niemals behaupten kann, dass ich es nicht gewusst hätte, wenn mir mal jemand Vorwürfe machen sollte.
Auch weiß ich von Homophobie und Verfolgung in Russland, Pussyriot, Schwulenjagden, Rechtsradikalen, Putin. Ich weiß von China, dass dort Tiere und Menschen gleichermaßen wie Massenware verschlissen werden. Ich weiß es bei jedem T-Shirt, das ich anziehe. Und nicht nur China. Wir alle wissen es. In den USA geht es ums Überleben. In Spanien werden Wohnungsbesitzer zwangsgeräumt. In Griechenland steigt die Selbstmordquote. Wir wissen das alles.
Und zu allem Überfluss werden wir noch überwacht und durchleuchtet wie in den gespenstigsten Science Fiction Romanen.
Unsere Politiker, Merkel, Westerwelle, Gabriel und Co wissen es auch. Barack weiß es. Und was tun wir? Was würden wir erwarten, was wir tun sollten? Als Auschwitz befreit wurde, hieß es, die Alliierten hätten das doch alles gewusst, hätten doch nur eine Bombe auf die KZs werfen sollen. Dann wäre das Elend zu Ende gewesen. Buchenwald wurde bombardiert. Und die überlebenden Häftlinge auf das ganze Reich verteilt und weiter gequält. Würden wir Pussy Riot oder Chodorkowski und Nawalny helfen, wenn wir ihr Lager einfach bombardierten?
Sollen wir alle Länder meiden, die Menschenrechte missachten? Also nicht mehr nach Russland reisen? Hm. Das grenzt den Horizont massiv ein, weil bei der arabischen Welt, Russland, China, großen Teilen Südamerikas, fast ganz Afrika, sicher auch die USA und große Teile des europäischen Ostens einer ethischen Bewertung nicht Stand halten würden. Nicht mehr reisen heißt aber, engstirnig zu werden, keine Menschen mehr kennen zu lernen, im eigenen Saft zu schmoren.
Was können oder sollen wir tun? Wir hier leben in einem freien Land. Heißt es zumindest. Wir dürfen unsere Meinung und unsere Zweifel, unsere Wut und unseren Protest laut sagen, schreiben, veröffentlichen. Und wahrscheinlich passiert uns nichts. Aber wahrscheinlich passiert überhaupt nichts.
Wenn wir alle eine Petition an Merkel schreiben, beim nächsten Russland Besuch dem Wladimir mal so richtig die Meinung zu sagen, und selbst, wenn sie es tun würde, was ändert sich? Er würde lachen, sie verhöhnen, er würde jeden Wirtschaftsboykott auf dem Rücken seines Volkes austragen und weiter sagen, dass es christliche Werte sind, die es erlauben Schwulen die Haare anzuzünden. Und bei der fortgeschrittenen Propaganda hat er große Teile des russischen Volkes bereits hinter sich. Das bekommt keiner so schnell wieder aus den Köpfen der Menschen heraus. Denn es sind die Dorfbewohner, die Menschen in den kleinen Städten, die Nachbarn und die Arbeitgeber, von denen bereits viele zutiefst davon überzeugt sind, dass Homosexualität eine schlimme Krankheit und ein Verbrechen ist.
In Deutschland ist es übermorgen 75 Jahre her, dass die Geschäfte und Synagogen der jüdischen Nachbarn angezündet und geplündert wurden. Wir werden Samstag dann alle andächtig an den Mahnwachen stehen. Und gleichzeitig ergeben Umfragen, dass in Deutschland immer noch 25% meinen, dass die Juden hinter der Finanzkrise stecken, dass über 50% glauben, dass die Juden es bei ihrem Verhalten (z.B. in der Israelpolitik) selbst Schuld seien, wenn man was gegen Juden hat. Eine sehenswerte Dokumentation dazu lief gerade in den dritten Programmen und ist noch in der ARD Mediathek zu sehen. (http://www.ardmediathek.de/rbb-fernsehen/dokumentation-und-reportage/antisemitismus-heute-wie-judenfeindlich-ist-deutschland?documentId=17982720)
Nach all den Jahren der Umerziehung, nach dem jahrelangen und öffentlich ausgebreiteten Bedauern, den Aufrufen zum Nicht-Vergessen, ist der Antisemitismus immer noch in den Köpfen der Deutschen. In jedem vierten Kopf ob links oder rechts oder aus der Mitte.
Also, was können wir tun, wenn wir alles wissen? Über die Schwulenjagden in Russland und die Tier-KZs und alles andere? Wir haben nur eine einzige Möglichkeit: Nicht schweigen! Mutig sagen: “Das sehe ich aber anders!”
Sich den Unmut anderer zuziehen, wenn man Israelis zu Besuch hat (Ja, da wird man ganz schön in Diskussionen verwickelt). Sich unbeliebt und verdächtig machen, wenn man sich um Asylbewerber kümmert, sich belächeln und verhöhnen lassen für Idealismus. Das alles kann ich tun. Und jeder kann sich überlegen, was er tun möchte.
Wir haben nicht viel Einfluss auf die große Politik. Aber jeder von uns hat Einfluss auf den Inhalt des Kopfes seines Nachbarn, seiner Kinder, seiner Eltern, seiner Kollegen. Das ist kein Aufruf zur Intoleranz gegenüber anderen Haltungen. Das ist ein Aufruf zur ethischen Erziehung. Denn für anständiges Verhalten und Denken benötigt man keine Toleranz. Anständige Menschen sind sich in den wesentlichen Punkten einig.

Frühlingstag im U-Bahnschacht

16. April 2013

Hab geöffelt. Wahrscheinlich bin ich gerade die einzige die dieses Wort, dass sich sicherlich als Kunstwort des Jahres eignet, benutzt. Es erscheint vor meinen Augen eine Konferenz wichtiger Entscheidungsträger für den Öffentlichen Personennahverkehr, in der eine Werbeagentur gerade dieses Wort vorstellt, was später monatelang auf den Plakaten der Stadt prangt. Alle, oder fast alle, sind begeistert von diesem tollen neuen Wort, aber keiner von denen am Tisch fährt jemals mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Sonst wüssten sie, dass die Frau am Handy zu irgend jemandem sagt: “Ich sitz grad inna Bahn”.

Jedenfalls habe ich mein Auto in die Werkstadt gebracht und bin mit der Bahn nach Hause gefahren. Ganz Metropolit bin ich einfach an der nächsten Station eingestiegen auf dem Weg zum Hauptbahnhof. Überall Plakate, dass das Schwarzfahren 40 Euro kostet und ich frage mich gerade, ob mein 4-Fahrten Ticket, das ich mir im vergangenen Jahr mal gekauft habe, überhaupt noch gültig ist, oder es inzwischen eine Fahrpreiserhöhung gegeben hat. Mit mulmigem Gefühl sitze ich da und starre auf die Warnhinweise in fünf Sprachen. Was aber nirgendwo angeschlagen ist, und was ich aus Berlin, Frankfurt, München, Paris kenne, ist ein buntes Streckennetz Plakat. Nun bin ich ja in Dortmund keine Fremde, aber unterirdisch kenne ich mich überhaupt nicht aus. An diesem warmen Tag verschwindet die Bahn im dunkel des Gewölbes und ich entscheide mich an der Reinoldikirche auszusteigen um umzusteigen. Ein Knotenpunkt mitten in der Stadt, aber niemand weiß, welche Bahn zum Hauptbahnhof fährt. Schließlich in einer versteckten Ecke finde ich tatsächlich einen Streckenplan und stelle fest, dass ich eine Station zu früh ausgestiegen bin und noch zwei mal die Bahn wechseln muss.

Eine Gelegenheit die Tunnel und Gewölbe der Stadt genau kennen zu lernen. Es ist kalt hier. Für den ersten warmen Tag in diesem Jahr bin ich viel zu leicht bekleidet. Als das große Buddeln in Dortmund damals vor zwanzig - oder waren es dreißig? - Jahren begann, war ich fasziniert, wie tief die Schächte in der Mitte der Stadt waren. Damals wusste ich auch nicht, dass in anderen Städten ganze Stadtarchive in diese riesigen Löcher stürzen können. Jetzt bin ich hier unten im Halbdunkel und denke angesichts der Anschläge in Boston an den Widerspruch, den die Höhle als Schutz dem Menschen einst war, und dem heutigen Unruhezustand hier unten, was ein unzivilisierter Anschlag hier unten mit mir machen würde.

Wenigstens habe ich überall Handyempfang. Besser sogar als auf der Autobahn. Nach den verschiedenen Bahnen, die mich schließlich doch zum Hauptbahnhof bringen, suche ich einen S-Bahnplan und finde keinen. Nur viele große Schilder, dass es sich hier um einen komplett rauchfreien Bahnhof handelt. Ich finde das Gleis mit der Beschriftung S-Bahn und laufe auch gleich einem Bahnmitarbeiter in die Arme, der mir freundlich erklärt, dass ich meine S-Bahn gerade verpasst habe. Dennoch dankbar setze ich mich in die Sonne und warte. Alles besser als dieser kalte und dunkle Tunnel. Neben mir setzt sich ein junger Mann auf die Bank und holt gleich eine Zigarette raus. Ich frage ihn, ob man das hier darf und er denkt wohl im ersten Moment, ich sei eine dieser radikalen Nichtraucherinnen. Erklärend hole ich meine Zigarettenpackung aus der Tasche und gleich wird er aufgeschlossen. Ne, die Schilder haben nichts zu bedeuten. Hier rauchen alle. “Is doch anne frische Luft”. Ich stecke mir auch eine an und blicke auf die Zigarettenstummel auf dem Bahnsteig. Als ich fertig geraucht habe, suche ich einen Mülleimer, aber überall steht drauf, keine Zigaretten einwerfen. Ich drücke die Kippe unter meinem Schuh aus und steige beruhigt in die Bahn. Wenn die Schilder vom rauchfreien Bahnhof nichts bedeuten, wird mein wahrscheinlich abgelaufenes Ticket auch nichts bedeuten. So hoffe ich und bin nach einer Stunde zu Hause. Mit dem Auto brauche ich zwanzig Minuten. Öffeln ist ein Erlebnis und genau das richtige für Menschen mit viel Zeit und viel Geld. Zu Hause sehe ich nämlich, dass die einzelne Fahrt für diese 15 Kilometer 5 Euro 50 gekostet hätte. Jetzt rechne ich nicht aus, ob das mit dem Auto mit allen Nebenkosten billiger ist, aber demnächst werde ich dankbar 2 Euro 50 für das Parkhaus bezahlen und glücklich sein, dass ich so günstig davon gekommen bin.

Frauen und Männer

9. März 2013

Gestern war Weltfrauentag. Ich hätte es fast vergessen, wenn nicht vor der Tür meines Arbeitgebers eine Frau gestanden hätte, die ich zuerst für eine Rosenverkäuferin gehalten habe und mich schon wunderte, dass die Kolonnen schon so früh unterwegs sind. Da ich offensichtlich wie eine Frau aussehe, bekam ich eine Rose geschenkt - mit einem Kärtchen der Gewerkschaft. Da kommt die Idee des Weltfrauentags ja auch her. Dieser Feiertag für Frauen ist eben kein Import aus den USA wie der Muttertag, sondern war in der DDR ein besonderer Tag, der die Gleichstellung der Frau im Arbeitsleben bewusst machen sollte.
Und mittlerweile hat sich der 8. März genauso etabliert wie der 14. Februar als Valentinstag und verschiedene andere kommerziell genutzte Gedenktage. Wir nehmen gerne alles mit. Die Flut der Bewusstmachung ist inflationär und damit schon wieder fast belanglos.
Und dann kam ich nach Hause und sah in meinem facebook Account, was so ein Anlass auslösen kann. Da ging es um Sexismus, um flotte Sprüche und vor allem um eins: den Haushalt. Da sollen die Jungs sich mehr engagieren. Bravo! Aber ehrlich Leute, das wusste ich auch schon mit zwölf, und in meinem Leben hat es keinen Mann gegeben, der von mir verlangt hat, dass ich seine Hemden bügele oder wann ich die nächste Wäsche mache, schon gar nicht, dass es saudreckig bei uns aussieht. Ich bin nämlich offensichtlich ohne Worte so zu verstehen, dass ich in so einem Fall nur ganz verwundert fragen würde, warum willst du das? Hast du dir den Arm gebrochen?
Ich muss einem Mann nicht sagen, dass er mir im Haushalt hilft. Ich halte das für selbstverständlich. Männer, die das anders sehen, haben offensichtlich Frauen, die das anders sehen als ich. Wobei ich bei meinem Lieblingsthema bin: Warum beklagen sich Frauen immer über Männer? Natürlich gibt es echte Blödmänner, Chauvis, Machos und andere negative Ausprägungen. Erstaunlicher Weise haben diese Kerle irgendwie alle eine Lebenspartnerin. Diese Frauen können ja nicht alle blind und doof sein. Oder doch? Hm. Meine Theorie ist, dass die Frauen von Chauvis selber in einem Rollenbild stecken, dass solchen männlichen Eigenarten erst eine Existenzgrundlage gibt.
Das Till Schweiger Syndrom nenne ich das. Ich kenne den Mann nicht persönlich, aber er präsentiert sich in seinen Filmen und in der bunten Presse als etwas duseliger, dabei recht gut aussehender Macho, der den Frauenversteher mit fragwürdigen Sprüchen gibt. Und die Frauen scheinen das zu mögen. In einer Kinovorstellung von Zweiohrküken war der Anteil der weiblichen Besucherinnen weit mehr als zwei Drittel. Männer scheinen an so einem offensichtlich zur Schau gestellten Männlichkeitsidol nicht so großes Interesse zu haben. Aber zum Till Schweiger Syndrom gehört ja nicht nur das männlich Grobe, sondern dann das wirklich Wichtige: Das romantische Verstehen, das Nachgeben und weich werden im letzten Moment. Uiuiuiui!! Romantik! Das! wollen die Frauen.
Aber das ist genau die Legende. Als Frau muss sie sich schon entscheiden: will sie den harten Kerl mit der breiten Schulter und dem kernigen Ton, dann geht er auch mit seinen Jungs saufen und irgendwann fremd, während er erwartet, dass sie den Dreck weg macht, auch seinen. Oder will sie den Mann, der mit ihr auf Augenhöhe spricht, sich nicht über sie lustig macht, sie bewundert, ernst nimmt, unterstützt, sensibel für ihre Schwächen ist usw. Dann ist er wahrscheinlich kein Macho und gilt unter den anderen Kerlen eher als Pantoffelheld. Die Kombination hart, männlich und sensibel ist eine Till Schweiger Erfindung und erfüllt im Kino Sehnsüchte. Mit der Realität hat das wenig zu tun.
Die Männer, die sexistische Sprüche ablassen, finden oft gerade bei den Frauen die größten Lacher. Und als Gegenstück zu diesen Männersprüchen gibt es ja auch die echt geschmacklosen Frauensprüche. Da sehe ich auf facebook schon zum wiederholten Mal das Bild eines kleinen Babyjungen, der irritiert in seine Unterhose schaut und sich fragt: damit soll ich später denken? Gepostet immer wieder von Frauen. Hallo Mädels: das ist sexistisch.
Die Männer scheint es nicht zu stören. Weil sie offensichtlich vor uns etwas erkannt haben, das einen Witz erst möglich macht: Schwäche. Selbstbewusstsein und Souveränität lässt jeden blöden Spruch ins Leere laufen oder besser noch mit gleicher Münze kontern. Die meisten Männer scheinen dieses Selbstbewusstsein zu haben und die Frauen merken nicht, wie sich die Jungs über solche Lieblingsposts der Mädels abfällig hinwegsetzen. Eine Frau, die weiblichen Chauvinismus postet, bewirkt bei den Männern ein Schulterzucken. Ein Mann, der männlichen Chauvinismus postet, bewirkt empörten Protest und lacht sich darüber kaputt. Mädels eben. Haben keinen Humor.
Meine Quintessenz aus dem gestrigen Gewimmel und Gerummel um den Frauentag ist, dass es noch viel zu ändern gibt. Bei den Männern und bei den Frauen. Und wer was ändern will, muss bei sich selbst anfangen. Also ihr lieben Frauen: Lasst uns selbstbewusst zusammen halten. Seht in Männern liebenswerte und gleichwertige Partner. Lasst die Machos ins Leere laufen. Gebt dem Chauvinismus keine Bühne. Und seid selbst keine weiblichen Chauvis. Auch wenn ihr morgen Abend den neuen Tatort mit Till Schweiger guckt.

Norbert Geis auf dem Holzweg

20. Februar 2013

Der CSU Abgeordnete Norbert Geis meint, das Verfassungsgericht sei auf dem Holzweg, wenn es versuche, die gleichgeschlechtliche Partnerschaft der Ehe gleich zu stellen. Homo Ehen seien nicht naturgemäß. Hm. Ich dachte immer wir leben in einer Kulturgesellschaft und Kultur ist normalerweise das Gegenteil von Natur oder naturgemäß.
Der Mensch gestaltet seine natürliche Umwelt und seine sozialen Verhaltensweisen zu einer Kultur der Gesellschaft, weil eben die Natur alleine mit Gewalt und Egoismus keine Gesellschaft möglich macht. Sozialwesen und Kultur sind ja gerade die menschlichen Herausforderungen, um den Naturgesetzen Paroli zu bieten. Und da kommt nun dieser Christ mit dem Wort “naturgemäß”. Ich denke, er hat etwas Grundsätzliches nicht verstanden, dass nämlich naturgemäß gar kein Argument sein kann für eine zivilisierte Gesellschaft. Wir wollen nicht naturgemäß sein, sondern gebildet, sozial, kulturell.
Eine Großstadt ist auch nicht naturgemäß, aber glücklicher Weise kommt sie bei Katholiken nicht in die Reichweite der Beurteilung. Warum eigentlich nicht? Der Tempel Salomon stand in Jerusalem, einer ziemlich großen Großstadt und einem kulturellen Zentrum. Und die “Kulturleistung” der Humanität schreibt sich das Christentum ja auch (unrechtmäßig) zu. Naturgesetze sind ja sozusagen das Gegenteil von Humanismus oder der Botschaft Jesu.
Und dann meint Norbert Geis auch noch, Kinder müssten zu ihren Eltern Mama und Papa sagen. Der gute Mann ist einfach zu jung (geb. 1939 sic!) um zu wissen, dass die bürgerliche Kleinfamilie mit Papa und Mama so ganz und gar nicht naturgemäß ist. Über Jahrtausende wurden Kinder in Clans und Großfamilien aufgezogen. Noch in meiner Kindheit sagte man, ein ganzes Dorf sei an der Erziehung eines Kindes beteiligt. Zu behaupten, Mama und Papa seien naturgemäß die einzigen Erziehungsberechtigten ist anthropologische Geschichtsklitterung.
Und dann sagt er noch, dieser Norbert Geis, dass es ihm ja nicht gegen die Beziehung von Homosexuellen gehe, sondern dass er ihnen nur die Privilegien der Ehe nicht zugestehen wolle. Da hat er aber mal die Katze aus dem Sack gelassen. Privilegien der Ehe sehen so aus, dass man bei zwei arbeitenden Partnern genauso viel Steuern zahlt, wie jeder andere auch. Nur die nicht arbeitende Ehefrau profitiert vom Ehesplitting, immer vorausgesetzt , der Ehemann lässt sie an sein Konto.
Und wenn es um die Berechnung von Kindergartenbeiträgen geht, zahlen Eheleute schön den Höchstsatz, während die unverheiratete zweite Frau des Rechtsanwalts für ihr Kind 50 Euro abdrückt, weil sie ja nichts verdient und pro forma Alleinerziehende ist. Gut, dass sie nicht geheiratet hat.
In der Krankenversicherung, in der der gut verdienende Ehemann vor seiner Hochzeit sich für die private Alternative entschieden hat, müssen die Kinder auch privat versichert werden. Kosten über Kosten, die den Eheleuten aufgebürdet werden. Ich habe zeitweilig mit meiner Steuerberaterin überlegt, offiziell eine Trennung anzustreben, weil uns dieser Luxus der Ehe fast 1000 Euro im Monat mehr gekostet hat.
Worum es bei den anderen Privilegien geht, ist die soziale Absicherung, das Aufenthaltsbestimmungsrecht, der Schulbesuch, die Erbfolge, der Besuch auf der Intensivstation oder in der Justizvollzugsanstalt, wenn das denn mal nötig wird. Da sind Eheleute privilegiert. Wer nicht als Eltern eingetragen ist, darf seinen Sprössling nicht mal von der Polizeiwache abholen, wenn der sich mal betrunken hat. Und bei Unfällen nicht mit dem Arzt reden, nicht auf die Intensivstation usw. Darum geht es bei der Adoption von beiden Elternteilen, die sich ja auch beide verantwortlich zeigen müssen. Und das ist ganz und gar nicht naturgemäß, sondern eine Kulturleistung unserer Gesetzgebung.
Norbert Geis: mit deiner Einschätzung von “naturgemäß” bist du auf dem Holzweg, nicht das Verfassungsgericht, das die Aufgabe hat, den altbackenen Gesetzesjungel immer wieder auf Aktualität zu überprüfen. Einem politischen Abgeordneten steht es im Übrigen gar nicht zu, die Judikative zu kritisieren. Das habe ich schon in der dritten Klasse beim Thema Gewaltenteilung gelernt.